The casting system

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The Casting System / Zürich / Indien

Einführung

KONZEPT: Mädchen, schwarze Serie. System

Diese Bilder zeigen einen Teil einer Serie von etwa zwanzig Mädchen, die Models werden wollen. Die Mädchen sind von mir ausgewählt und eingeladen worden für einen Test in meinem Studio. Ich wähle nur die schönsten Mädchen aus, wobei ich von meinem eigenen Schönheitsbegriff und Empfinden ausgehe. Die Mädchen sind jung; zirka 13-18 Jahre alt und stehen vielleicht am Anfang ihrer Model-Karriere. Die Mädchen werden nur wenig bis gar nicht geschminkt. Sie sollen in ihrem ursprünglichen Ausdruck belassen werden. Das Styling organisiere ich selber. Es sind eher zeitlose Kleidungsstücke, in weiss oder pastel.

Die Mädchen werden mit wenig Dekor in einer klaren, reduzierten Formensprache abgelichtet. Sie stehen vor einem schwarzen Hintergrund und vor meiner Kamera im Blitzlicht. Sie stehen alleine dort, und ich gebe ihnen wenig Anweisungen oder Rollen, an der sie sich orientieren können. Sie haben nichts das sie interpretieren könnten.
Sie stehen im leeren Raum und sind noch ungelenk und unsicher, präsentieren sich der Kamera direkt und unverstellt, noch emotional und authentisch. Dieser Moment interessiert mich. Ich versuche diesen Augenblick einzufangen, und fotografiere sie während ihrer Selbstsuche, dem Prozess des Aufbaus ihrer Identität, die sie stückweise zusammentragen.

Sie wirken zerbrechlich und doch stark und versuchen der Situation vor der Kamera gewachsen zu sein. Die Kamera prallt noch nicht an ihnen ab, und sie zeigen noch keine undurchdringbare Glätte, sondern eine Art fragile Durchlässigkeit. Ihre Posen sind oft nicht definiert, und ich erarbeite mit jedem Mädchen minimalistisch verschiedene Haltungen, versuche mit ihnen herauszufinden, wie sie sich bewegen können und wollen und wie sie sich in ihrem Körper fühlen.
Ein Motiv zur Serie ist das Schliessen der Augen. Sie verharren so, und ich drücke irgendwann ab. Ich knipse nicht gleich, sondern lasse sie zuerst „blind“ stehen und warten, bis sie sich an die Situation gewöhnt haben. Ein anderes Motiv ist das Tragen einer Sonnenbrille. Durch die Sonnenbrille sind sie geschützter vor dem Blick der Kamera, und exponieren sich dadurch meistens mehr als ohne Sonnenbrille.

Ich arbeite mit zwei Kameras. Meistens werden die Mädchen von ihren Müttern begleitet, die sich im Hintergrund halten und dem Shooting zuschauen. Die Serie wird auch als Projektion gezeigt, wo die Bilder komponiert und in einen Ablauf gebracht werden.

Zürich / November 2007 / Ruth Erdt

Die Serie wurde im April 2008 im Message Salon Perla Mode Esther Eppstein in Zürich gezeigt

Der Moment, in dem ich beschloss, mein Projekt in Bombay weiter zu führen, ist mir entfallen. Er ist ja auch nicht weiter wichtig. Ich fragte mich, was passiert wenn ich diese Arbeit, dieses „Casting-System“, das hier in der Schweiz gut funktioniert, in einer komplett anderen Kultur mit komplett anderen Traditionen und in einem total unterschiedlichen Gender-Umfeld anwende. Bei der Überlegung, welches Land könnte dem der Schweiz am weitesten entfernt sein, nicht durch Distanz, sondern mental- funktions- glaubens- tradtions- mässig, kam ich auf Indien.
Ich dachte, das perfekte Land, welches extreme Gegensätze vereint, denn obwohl es ganz klar ein Dritt-Welt Land ist, ist Indien auch enorm fortschrittlich in gewissen Bereichen. In Indien existieren verschiedene Zeitzonen, Menschen leben wie im Mittelalter als auch in einer hochmodernen, urbanen Welt, und das Seite an Seite.

Meine Wahl fiel auf MUMBAI/ BOMBAY wegen der grossen Bollywood-Filmindustrie, da wimmelt es nur so von Models, oder? Nur, wie finde ich diese jungen Models? In einer 18 Millionen Stadt? Ohne Kontakte, ohne Kenntnisse des „Systems“?

Per Zufall traf ich einen weit gereisten Fotografen, der mir die Mailadresse eines indischen „Organisators“ für Film und Fotoshootings in Bangalore vermittelte. Ich schickte mein Konzept mit Bilder-Beispielen nach Bangalore zu Venugo, so sein Name. Venugo wollte mit mir an meinem Projekt arbeiten, gegen Bezahlung, für mich einen Spezialpreis, versteht sich. Ich engagierte Venugo für ein vorher abgesprochenes Budget. Mein Konzept sowie Foto-Beispiele und alle Infos schickte ich ihm per Mail. Ein Hotel konnte ich ihm nicht zahlen in Bombay, da mein Budget es nicht zuliess, ich hatte niemandem im Rücken und zahlte alles selber. Er schrieb, dass er bei Verwandten oder Freunden unterkommen könnte.

Folgender Text soll die Entstehung der Indien-Bilder beschreiben in einer subjektiven Sprache anhand von Tagebuchskizzen aus meinem Reisebuch.

1.Tag

Es ist kalt in Bombay. Ich wohne in einem christlichen Heim für gefallene Mädchen oder so, habe ein karges Zimmer, aber mit „Bad“, kann nach 22h nicht mehr raus dem Resort, und muss vor 23h im Haus sein, Lichterlöschen um 24h. Venu wohnt weitweitweg, wie er sagt.

Christliches Heim YWCA, 24.10h
Ich versuche der Aufpasserin zu erklären, dass ich Touristin bin, was sie ja eigentlich sehen könnte, und dass ich jetzt das Licht nicht löschen kann, da ich noch nicht müde bin (in Zürich wäre es ungefähr 19.30h) und ein Durcheinander von Filmmaterial, Kleidern, Sonnencreme, Bücher und Moskitonetz auf dem Bett habe. Eine andere, ca. 80jährige Frau aus dem Nebenzimmer mischt sich ein, und erklärt etwas auf Hindi zur Aufpasserin, die dann murrend abzieht.

Ich habe keine Ahnung, in welchem Teil von Bombay ich gelandet bin, meine Karte im Reiseführer ist unvollständig und zeigt nur das Zentrum, Colabastrasse mit Umgebung. Durch die stundenlangen Rikschafahrten bin ich auch nicht schlauer geworden. Aber ich habe Venu, und er regelt alles für mich, führt mich überall hin, wählt das Essen für mich aus, führt mich über die Strasse, was hier lebensgefährlich ist, und sagt mir «come!»

Es wird plötzlich so kalt in der Nacht, dass ich den fein säuberlich aufgehängten Foto-Background aus dem Metallkasten nehme und ihn als Decke missbrauche. Der Background ist schwarzer Samt aus Paris, der auf keinen Fall knicken oder faltig werden sollte, da das sonst reflektiert beim Fotografieren mit Blitz. Aber die plötzliche Kälte ist stärker.

Später in der Nacht lege ich dann noch die mitgenommenen Model-Kleider auf mich. Am Morgen erwache ich völlig verdreht in einem Gewühl aus Stoff.

2.Tag

Immer noch ungewöhnlich kalt. Also, es ist 16, 17 Grad, auch für Mumbaianer eine ungewohnte Temperatur, überall verkaufen sie Plastikdecken, und die Bewohner ziehen Schichten an. Ich hab natürlich nur Plastik-Strand-Schlarppen mitgenommen und keine Jacke. Am Morgen sehe ich einen grossen Elefant auf der anderen Strassenseite. Totale Begeisterung meinerseits. Wie kann das Riesentier sich hier in diesem Moloch bewegen? Was isst er, Plastik? Mit dem Rüssel als Treppe hilft er seinem Besitzer auf den Rücken.
Das Morgenessen im Christlichen Heim wird in der Kantine eingenommen, und ich scanne schon mal jedes Mädchen, das müde oder kichernd vor einem scharfen Menü mit Unmengen von Zwiebeln und Knoblauch sitzt. Die jungen Frauen leben hier, kommen von weit her, gehen zur Arbeit, oder suchen in Mumbai einen Job. Ein paar sind wirklich hübsch, aber sie sind in Eile, und ich wage es nicht sie anzusprechen.

Wir sitzen bei einem Manager in einer Modelagentur. (1Stunde Rikschafahrt mit dem dreirädrigen Moped-Vehikel mit Diesel und Petrol zum Fahren gebracht.) Ganz begriffen habe ich die Situation nicht, wir warten bis der Manager kommt. Dann: Tschai-Tee. Sie reden. (1Stunde auf Hindi)

Irgendwann drückt mir der Manager ein Plastiksichtmäppleinbuch in die Hand mit Fotos drin. Junge Frauen. Ich wähle ca. 4, 5 aus, und sage ihm, an diesen Mädchen sei ich interessiert. Dann soll ich nochmals mein Konzept erklären. (Venu hat’s ihm schon erklärt)

Ungeschminkt? Das versteht er nicht.
Keine indischen Kleider? Das versteht er nicht.
Weisse Kleider? Das versteht er nicht.
Junge Mädchen, 13-18 Jahre alt? Das versteht er nicht.

Er sagt nicht direkt, das verstehe ich nicht, er sagt immer ahem, ahem und dann fragt er Venu etwas auf Hindi, und Venu führt irgend einen Gedankengang 10 Minuten aus, aber ich merke ganz einfach, dass der Manager nicht wirklich versteht. Ich komme mir auch langsam blöd vor, und beginne mein eigenes Konzept anzuzweifeln. Am Schluss nickt der Manager ein paarmal, und ich deute das positiv. Wir fahren weiter.

(Rikscha, ca.1 Stunde. Es ist dermassen versmogt, ich halte mir während der Fahrt ein Tuch vor den Mund, man könnte die Luft schneiden, ich meine, man sieht die Luft. Sie hupen andauernd, was überhaupt nichts nützt, denn der Verkehr ist verstopft, es gibt keine Rush Hour mehr, die Rush Hour ist den ganzen Tag lang bis 4 Uhr nachts, und beginnt um 5 Uhr morgens wieder.)

Ich weiss nicht wohin wir fahren. Ich folge einfach Venu. Zeit ist hier dehnbar, begreifen tu ich nichts, nur am Rande, erklärt wird wenig, ich könnte die ganze Zeit “ähm, ja aber, ähm, ja aber“ , sagen, und finde das zu europäisch, also bin ich lieber still und konzentriere mich auf das Blei/ein/atmen.
Ich meine, ich bin eine gestandene Frau, selbständig, autonom, kämpferisch für meine Sache, und folge jetzt hier einem fremden Inder, der alles bestimmt und arrangiert, ohne einen eigenen Gesamtüberblick, und das macht mich total zappelig, ich rutsche auf der Plastikbank der Rikscha herum. Unterhalten könnte man sich hier eh nicht, es ist zu laut.

Neuer Stop bei einem „famousen“ Fotografen, er ist nicht da, kommt zu spät, und wir warten in einem Restaurant . (1 Stunde) (Jedesmal wenn ich warten muss auf irgendetwas, oder sie stundenlang am Reden sind, kritzle ich wie eine Irre in mein Reisebuch hinein, es sind Zuckungen, die ich nicht beherrschen kann. In der Schweiz renn ich nur rum und habe Stress wie alle andern, und nun versuche ich mich in den Zustand einer langsamen Lähmung zu bringen, damit ich die Geschäftsbesprechungen und Abläufe nicht störe. Eingebildeter Schaum vor dem Mund.)

Der Fotograf ist ein älterer, sympathischer Herr, auf dem Weg nach Puna, Ferien, wie er sagt, braucht er dringend, verstehe ich gut, in dieser Stadt ist nur schon die Strasse zu überqueren total anstrengend. Venu und der Fotograf reden, wir trinken Tschai.

Nach einer Stunde erklärt der Fotograf nochmals, er könne nicht viel machen, da er morgen verreise. Ausserdem wollen die meisten Mädchen „Glimmer“- Portraits von sich. Was denn das heisse, frage ich. Er zeigt mir Bilder auf seinem kaputten Laptop. Die GLIMMER-Fotos sind wirklich glänzend, Girls total geschminkt, Strass an bunten Kleidern und Haaren, aufgemotzt, immer verführerisch lächelnd, also kurz; genau das Gegenteil von dem, was ich machen will.
Der Fotograf schreibt 20 Telefonnummern von seinen Girls in mein Reisebuch, (halbe Stunde), wir sollen ihn erwähnen, dann würden sie sich fotografieren lassen. Ich schaue Venu fragend an, aber Venu ist unterdessen im Stuhl eingeschlafen.

Eine weitere halbe Stunde später treffen wir einen andern Fotografen. Er kommt mit seinem europäisch gestylten Assi auf dem Motorrad. Der Fotograf und der Assi haben keine Schnäuze, die ersten und letzten schnauzlosen Männer in Bombay, die ich sehe. (Die Schnäuze machen mich fertig, ich kann nicht mal sagen warum. Es ist einfach so.) Venu redet zuerst mit ihnen, und erklärt ihnen mein Konzept, oder was ich ungefähr suche, mir vorstelle.

Ein Begriff manifestiert sich, um mein Konzept zu erläutern, eine Einigung auf ein Wort, um das Unverständliche verständlich zu machen; Innocent, innocent beautifull Girls. Um die Fragilität, die Unsicherheit und eventuelle Unbeholfenheit, aber auch das Herausfordernde, das Fragende, das Experimentelle, die Schönheit der Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren, in der Adoleszenz, ihrer Identitätssuche zu vermitteln, scheint innocent einigermassen akzeptiert zu werden. Ich möchte den Moment einzufangen, bei dem das Mädchen sich in diesem Übergang befindet von einer Person in eine andere. Es ist der Versuch, einen Ausdruck authentischer Verletzbarkeit, vielleicht Verunsicherung, gleichzeitig der Provokation und Ambivalenz, ein Ausdruck, eine Befindlichkeit, die mit dem älter werden verloren geht, verloren gehen muss, einzufangen.

Es gibt ein Hin und Her an Erklärungen und Fragen, der Fotograf hat ein kleines Fotostudio, sagt er, welches er mir zur Verfügung stellen würde, als Freund, versteht sich. Ich frage nur wie viel es kostet. Eigentlich, also meine Anfangsidee, die in Zürich gut funktioniert hat, der Tausch von Model-stehen zu Prints-geben-für-das-Portfolio der Girls scheint völlig unrealistisch. Ich mache ja keine Glimmerfotos. Meine Bilder sind komisch und unbrauchbar. Kein Tausch. Bezahlen. Fertig.

Der Fotograf würde mir auch noch Girls dazuliefern. Die Verhandlung läuft, und ich versuche mir irgendeinen Reim zu machen, wieso er mir das organisieren möchte, und wie viel das ungefähr kosten könnte. In erster Linie, merke ich, redet man nicht über Geld, sonder man nähert sich an, checkt aus, und die Geldfrage kommt erst beim 2. oder 3. Treffen, und zwar nicht als direkte Geldfrage, sondern als verkappter Freundschaftsdienst oder so etwas. Dann versuche ich noch herauszufinden, woher er die Girls organisiert, ob aus Modelagenturen, oder ob es seine persönlichen Kontakte sind. Aber ich finde nichts heraus, und es bleibt schleierhaft.

Venu sagt mir später, dass dieser Fotograf vor allem BLABING BLABING mache, und der Grossteil von dem was er sagte, einfach Müll sei. Und dass wir dann am nächsten Tag weiterschauen würden. Na gut.

Wir inspizieren später noch verschiedene „Fotostudios“ mit indischer Ausstattung und indischen Blitzanlagen. In einem Studio hat es keine Luft, und ich gehe langsam zu Boden, kleiner Kreislaufzusammenbruch. (Halbe Stunde) Vielleicht aber habe ich auch eine akute Tschai-Vergiftung. Egal. Das Studio macht nur Sinn, wenn ich ca 4- 5 Mädchen meiner Wahl am Tag fotografieren kann, die alle ziemlich pünktlich und zuverlässig kommen. Da ich aber noch keine Ahnung über das Mädchen-Beschaffungs-System habe, miete ich noch kein Studio.

Am Abend, 24.20h, klopft die Aufpasserin an meine Türe. Ich solle das Licht löschen. Ich lösche das Licht für 5 Minuten, und als sie weg ist, ich lausche mit dem Ohr an der Türe, knipse ich es wieder an.

(weggelassene Geschichten: Der Theaterdirektor, Der 50 Dollar-Schneider)

3.Tag. Sonntag

Am Morgen noch mehr Knitter in meinem Fotobackground. Friere in den Gummilatschen. Beim Morgenessen scanne ich erneut die Girls im christlichen Heim, und getraue mich immer noch nicht, sie anzusprechen, obwohl es Sonntag ist. Ich trinke Tschai, und habe mir Bananen organisiert.

Gegenüber der Strasse hat es einen kleinen ISDN und Internet-Shop. Leider ist er gegenüber der Strasse. Es hat vier oder fünf chaotische Autobahnlinien. Anstatt, wie es sein müsste, zwei. Die Autos, vor allem Rikschas und Busse, überholen noch halb auf dem Trottoir, oder der Ort wo das Trottoir sein müsste. Ich weiss, dass die Fahrzeuge auch im Notfall nicht halten würden. Sie halten nie, sie fahren einfach, und welches Auto von wo kommt in welchem Moment, kann man nicht abschätzen. Ich müsste aber dringend meine Mails checken.
Sicher 10 Minuten stehe ich an der Strasse, beobachte Inder, die die Strasse überqueren, nehme Anlauf, springe wieder zurück. Dreimal fast überfahren, aber noch heil, lande ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite, und gehe glücklich in den Shop rein. Zuerst muss ich meinen Lebenslauf in ein Buch schreiben, mit Telefonnummern und allem, Identitätskarte zeigen, und als der Sikh mich dann mit dem Rest der Welt, dem Internet connecten will, geht es nicht. Er sagt mir, ich solle später nochmals kommen. Hahaha.

Am Nachmittag kommt Venu’s Nichte, 14 Jahre alt. Wie er schon am Vortag x-mal betont hat, kommt sie von weitweither. Nach beharrlichem Fragen und insistieren sagt er mir, sie komme aus Puna. Da ich nicht mal genau weiss, wo wir sind, ich meine, Bombay ist wie ein Land, schaue ich in meinem Reiseführer nach, und Puna ist wirklich nicht nahe. Ich stelle mir vor, wie das Mädchen extra für mich an ihrem freien Tag eine Reise von insgesamt 8 Stunden zurücklegt, um vor der Kamera zu posieren, und frage mich, was Venu ihr wohl versprochen hat, Geld, Ruhm und Ehre, oder Prints, wie im Switzerland-System? Ich nehme an, dass sie alleine mit dem Zug kommt, und wie soll sie uns finden, im christlichen Heim?

Aber die Nichte kommt mit dem Auto und mit ihrer Familie. Vater, Mutter, ein Cousin, alle landen im YCMA, ich werde nervös. Mein Gott, die ganze Familie, und ich kann ihnen nicht mal etwas zu trinken anbieten, denn Männer sind grundsätzlich verboten im Heim für gefallene Mädchen. Ausser die Köche. Sie stehen rum und schauen mich erwartungsvoll an.

Okay, Action. Erstes Shooting.
Wo soll ich fotografieren? Das Licht habe ich draussen im Resort schon dreimal gemessen, und es war logischerweise jedes Mal anders. Gut, also hinten im Hof geht es nicht mehr. Ich brauche eine konstante Schattenfläche, ohne direkten Sonneneinschlag. 
Ich renne um das Gebäude herum.

Am Vortag haben wir uns die Bewilligung von einem Oberchefhausabwart zu einem Nebengebäude geholt, dass wir an einer Aussenwand fotografieren könnten. Denn ein Studio steht noch nicht zur Verfügung, also muss ich sowieso improvisieren. Vor jedem Wohnhaus an unserer Strasse steht ein Gebäude-Wächter (Unterchef), der sitzt in einem kleinen Gebäude-Wächter-Häuschen, und kontrolliert jeden der rein und raus kommt. Darum braucht man eine Bewilligung. Das Nebengebäude wäre Plan B.
Nachdem ich am vergangenen Abend vergeblich auf die Managerin des Christenheims gewartet habe (zwei Stunden), um eine Bewilligung für eine Stunde Shooting vor dem Haus zu bekommen, war das Nebengebäude nur eine Notlösung. Aber in dem Moment erscheint es mir viel zu umständlich, meine Kamera mit Stativ mit einem Stativ mit Blitz-Schirm mit Filmen mit verknittertem Background, (wo befestigen, wowo?) plus Venu und eine vierköpfige Familie ohne Wasser und Tee in einen Nachbarkomplex zu bringen.
Ich finde eine andere Wand, um die Ecke ein Gottesdienst, vorne ein Abfallhaufen, aber das Licht ist gut. Der Gebäude-Wächter im Häuschen findet meine Idee nicht so gut. Die fehlende Bewilligung. Ja äh. Ich lasse Venu mit dem Wächter diskutieren, und hole meine Ausrüstung, die Familie steht noch am genau gleichen Ort und schaut mich erwartungsvoll an.

Sruti, mein erstes Model, hat ein hübsches Gesicht und Haare bis über die Hüften. Sie ist für europäische Verhältnisse etwas zu pummelig, aber mir gefällt sie mit ihrem frechen, selbstbewussten Blick, und es kribbelt mich in den Händen sie auf Film zu bannen, bevor sie plötzlich verschwindet, die Managerin kommt, der Wächter einschreitet, oder es anfängt zu regnen. Srtuti und ihre Mutter kommen mit in mein Zimmer, und wir beratschlagen, was sie anziehen könnte. Das Körperempfinden ist anders hier, den Körper kann man nicht so entblössen wie bei uns in Europa: Die Codierungen sind anders, und die Betonung und Zurschaustellung der Weiblichkeit ist viel zurückhaltender. Die übertrieben sexualisierten europäischen Stylingsformen mit der immer gleichen Aussage; ich bin begehrenswert, sehe ich hier nicht.

Nur ganz zögerlich in der Werbung.

Trägerleibchen – nein.

Ohne Schal um die Brüste – schwierig.

Kurzer Rock – nein. Rock über Knie – immer noch zu kurz.

Schultern müssen abgedeckt, und Hosen oder Rock bis fast an die Fussknöchel gehen.

Bei uns in Europa sind die Hüften, der Bauch als erotischer Ort lesbar, und in Asien sind es die Beine. Die Beine müssen abgedeckt sein, sonst gilt das Girl als „leichtes Mädchen“, als Einladung, oder als Prostituierte. Ob es in einem andern Teil von Bombay modernere Mädchen hat, die sich freier Verhalten können? Ich bin nicht in einem Touristenviertel hier und habe noch keinen Touristen gesehen seit meiner Ankunft. Aber auffallend ist, dass die Mädchen in diesem Bombay-Teil fast alle Jeans tragen. Auch enge Jeans. Jeans ist ein muss. Jeans ist Emanzipation. Jeans ist ein neuer Code; ein Zeichen für Modernität, Aufgeschlossenheit, Coolness, Sexyness und neue Regeln. Auch Sruti trägt Jeans an bei ihrer Ankunft, hat andere Jeans mitgenommen, die sie mir stolz zeigt, und zieht nur ungern den Rock an, den ich ihr hinhalte.

Der Wärter will nicht.

Wir stehen alle dort, versuchen Hunde oder Elefantenaugen zu machen, und artikulieren uns flehend und überzeugend. Gut, sagt er, aber nur eine halbe Stunde. Wir rennen. Zur Wand, alles improvisiert montieren, ich schicke Venu Klebband holen, weil es plötzlich stark windet und den Background von der Wand wegweht. Venu motzt. Woher er jetzt Klebband organisieren soll?
Irgendwann kommt dann der Moment, wo alles klappt. Ich arbeite rasend schnell, Leute laufen vorbei, der Wärter steht nervös rum, der Wind zerrt am Samt, die Filme fallen auf den staubigen, dreckigen Boden. 4 Filme, ich bin happy.

Am Abend gehe ich alleine in ein Restaurant essen. Alle starren mich an. Auf dem Weg, im Lokal. Sie drehen sich um. Es stresst mich total. Ich finde es überhaupt nicht angenehm. Jetzt weiss ich wenigstens, wie Brad Pitt sich fühlen muss.

4.Tag

Wir fahren mit Rikscha und Zug zum BLABING BLABING- Fotografen, der uns sein kleines Studio zu guten Konditionen überlässt, und schon Mädchen organisiert hat, sagt Venu. Sein Studio ist ein 3 auf 2.5Meter Raum in einer 2-Zimmer Wohnung, wo er mit seiner Familie, seiner Frau und zwei Töchtern und einer Hausangestellten lebt. Vermutlich ist sein Studio in der Nacht ihr Schlafzimmer, und die Hausangestellte schläft in der Küche am Boden. Das Fotostudio ist etwa so gross wie eine europäische Toilette. Er zeigt mir die Lampen, die an Schienen an der Decke befestigt sind, und ich richte mich ein.
Die Mädchen kommen mit ihren Eltern oder einem Teil davon von irgendwoher in Bombay. Von weitweit her sagt Venu. Um die Stadt im Auto längs zu durchqueren braucht es etwa einen Tag.
Ich weiss nicht was das für Mädchen sind. Es ist mir völlig unbekannt, warum sie gekommen sind und wie sie organisiert wurden. Und was sie dafür haben wollen. Denn mein Print-System werde ich hier nicht anwenden können. Es zeichnet sich langsam ab, dass niemand an meinen Bildern wirklich interessiert ist, sie können sie nicht verstehen, nicht brauchen und nicht einsetzen.

Das erste Mädchen ist ein Model. Sagt der Fotograf. Sie gefällt mir nicht besonders. Und sie ist auch etwas zu alt für mein Projekt. Aber da ich die Organisation nicht verstehe, und vor dem anwesenden Girl auch nicht fragen will, beginne ich zu fotografieren.

Venu, der BLABING-Fotograf und noch ein Mann, der plötzlich auftaucht, stehen um mich herum im 2.5Meter Raum und beobachten wie ich abdrücke. Der dritte Mann schiebt ankommende Leute hin und her, von einem Zimmer ins andere.
Dazwischen geht des Fotografen Familie, seine Frau und ihre zwei Töchter ein und aus. Die Mädchen kommen pfeifend und singend aus der Schule, die Hausangestellte wird beauftragt, Zigaretten zu holen, die Mutter muss schnell weg.
Neue Girls klingeln an der Türe, sie werden ins “Studio” gebeten und gleich weiterdirigiert in das zweite Zimmer. Die Mütter der Mädchen suchen meinen Blick und schauen mich lächelnd und durchdringend an. Die Mädchen kichern. Wenn mir ein Mädchen nicht gefällt, knipse ich einen Pro-Forma Film, bei den passenderen „Models“ nehme ich 3-4 Filme. Ich arbeite pausenlos, da immer mehr Menschen in der Wohnung sind, sie warten und beobachten mich. Wenn ich sie anschaue lächeln sie sofort.

Die Mütter sagen den Girls, sie sollen “smilen”, und ich sage ihnen, nein, bitte nicht smilen, sondern neutral, ausdruckslos bleiben. Die Girls wechseln irritierte Blicke mit ihren Müttern. Die Mütter nicken und lächeln mich an, und ich knipse. Dann sagt jemand anders wieder, sie sollen lächeln, und ich sage, neinein, eben nicht. Jedes Girl frage ich, ob es die Haare öffnen kann. Offene Haare muss auch ein Code sein für etwas, kein Mädchen kommt mit offenen Haaren, und sie lösen die Spangen und Schlaufen eher unwillig aus ihrem Haar.
Erst viel später, als diese Unwilligkeit immer deutlicher wird und ich an anderen Orten in Indien bin und auf dem Land fotografiere, wird mir klar, dass offene Haare “leichte Mädchen” und Prostituierte suggerieren könnte.

Die meisten „Models“ sind für europäische Begriffe etwas „zu fest“. Es könnte ein Code für Reichtum sein, überlege ich. Denn in einem Land, wo die Menschen an Hunger sterben, wird man Magerkeit anders deuten, oder?

Ich merke, dass mein eigener Blick mich irritiert. Ich bin mir gewohnt mit dünneren Mädchen zu arbeiten. Den Schönheits-Begriff wende ich nicht an bei etwas „übergewichtigen Models“. Mein Schönheitsempfinden ist bei schlanken Menschen angesiedelt. Ist das die jahrelang gesehene Bilderflut? Sind das unbewusst eingeschlichene Normen in Form von Körperdiktat? Erzwungen durch die ständige, tausendfache Wiederholung, eingehämmert ins Hirn und somit in das Sehen?
Ist mein Blick deformiert oder sind schlankere Mädchen schöner? Haben die Europäer und Amerikaner einen deformierten Blick? Wie war das im 16 Jahrhundert mit dem Frauenschönheitsbild, zB mit den Botticelli-Figuren? Die rundliche Frau war schön, und abgemagert war eher die Magd. Aber ich schweife zu fest ab.

Zurück ins Studio Bombay:
Unterdessen ist 21Uhr, alle sind hungrig und müde, wir brechen das Shooting ab. Ich schaue mir die unfotografierten wartenden Girls an, und frage sie nach dem Namen. Was wollen sie? Ruhm, Erfolg, Geld, Aufmerksamkeit, Liebe? Als sie gegangen sind, „caste“ ich ein paar für den nächsten Tag, der Fotograf hat den Kontakt.
Heimfahrt. (Zwei Stunden) (Schaum vor dem Mund)
Nachts Atemnot.

Nächster Tag

Der Mädchen-Preis ist plötzlich ein Thema. Wir einigen uns auf einen Betrag, dh Venu hat schon mit dem Fotografen diskutiert und erwähnt das jetzt by the way. Am Morgen sind die Preise wie abgemacht, und am Mittag sind sie plötzlich doppelt so hoch und am Abend nochmals doppelt vom Doppelten, und wenn der Fotograf merkt, dass mir ein Mädchen gefällt, ist der Preis sowieso hoch. Es macht mich wahnsinnig, weil sich alles dauernd ändert. Mein Leben in Bombay als Geldsack wird langsam anstrengend.

Ich versuche hier ja etwas umzusetzen, das nicht direkt mit Geld zu tun hat, aber je länger ich darüber nachdenke, je mehr frage ich mich, wieso ich nicht etwas mache das direkter mit Geld zu tun hat.
Die schönen Mädchen sehe ich auf der Strasse, unerreichbar. Es ist wie wenn man Schmetterlinge fangen möchte ohne Netz. Sie flattern weg. Man sieht sie zwar kurz, doch sobald es konkreter wird, sind sie verschwunden. Doch heute im STUDIO BOMBAY kann ich ein wirklich hübsches Girl fotografieren. Dann geht eine Fotolampe kaputt. Die kleine Wohnung wird immer voller, und ich arbeite immer langsamer. Man bringt mir ein Pepsi, vom Hauslieferdienst, keine Ahnung, ich gebe es zurück. Nur Coca Cola. (Pepsi hat irgendwie ein Indien-Monopol, da Coca Cola zu hohe Auflagen machte.)
Jedes Mädchen wird fotografiert, und ich sehe ihre Beklommenheit, ihre Unsicherheit, ihre Angst es nicht richtig zu machen, obwohl sie gar nichts falsch machen können.

Ich fotografiere eine nach der andern.

Da die Preise immer höher werden, wage ich zu insistieren, denn viele Mädchen die ich knipse werde ich nicht gebrauchen können für meine Arbeit. Meine Organisatoren betonen, dass ich auswählen könne, sicher. Bei einem „Model“ habe ich das Gefühl, dass Druck auf sie ausgeübt wurde. Die Mutter befiehlt ihr mit Blicken. Sie steht einfach nur hin, es ist ihr egal was sie machen soll. Sie sagt mir, sie wolle kein Model werden, sie wolle studieren. Die Mutter hört es nicht.
Als dann später, es ist schon dunkel, ein wirklich hässliches “Model” reinkommt, bin ich zu schwach um sie abzuweisen. Der Vater steht neben ihr.

Nachts, ich lese heimlich, höre ich von weither eine Prozession. Ich schaue aus dem Fenster, und warte bis sie unten die Strasse passieren; tanzende Kinder und Männer, Feuerspucker, Trommler, Männer die schwere Karren ziehen, auf denen ein Götter sitzen. Sie schwingen sich in Trance und feiern. Gerne würde ich auf die Strasse rennen, mit der Filmkamera, mit der Fotokamera, und dem Reflex nachgeben, die Situation festzuhalten. Aber der Moment ist ein Moment, und ich kann ihn nur im Gedächtnis festhalten, diese mittelalterlich anmutende Prozession, dahinter die vielen Autos, die knapp an der Menge vorbeifahren, das gegenüberliegende Hochhaus mit dem Namen „VENUS TOWER“, die ganze Faszination dieser Gegensätze, dieses rohe Leben, ungeschliffen, unsicher und intensiv, und ich merke dass ich endlich angekommen bin in Bombay, weg von aller Sicherheit, weg vom normalen Ablauf der Dinge, und geniesse das Gefühl wie ein Rausch, ein Freiheitsflash, wie Drogen vielleicht.

Die Tage beginnen zu verschmelzen, ich zähle sie nicht mehr.
Erstaunlich wenige Bettler sind auf der Strasse sichtbar. Manchmal sieht man sie nachts auf dem Gehsteig liegen, aber das sind einzelne, in Tücher gehüllte Körper.
Anders ist es im Zentrum, im Colaba-Quartier, wo auch die Touristen verkehren; nackte kleine Kinder schlafen auf dem nackten Boden, ganze Familien leben auf der Strasse, es ist unerträglich, die Bettler einfach zu ignorieren und an den ausgestreckten Händen vorbeizulaufen. Aber viele Eltern schicken ihre Kinder betteln anstatt in die Schule, und die Bettler scheinen sich aus taktischen Gründen im Zentrum aufzuhalten, was ja auch Sinn macht. Trotzdem muss man sich wappnen gegen die Armut, einen Umgang damit finden, sonst bricht man zusammen.

Meine Mutter sagte immer, wir müssten das alte Brot aufessen, wir könnten es nicht wegwerfen, wegen den armen Kindern, die am Verhungern seien in der dritten Welt, zum Beispiel in Indien.
Ich dachte, gut, das muss sowieso eine andere Welt sein, sonst würde sie nicht dritte Welt heissen, und nahm an, dass wir in der ersten Welt lebten. Aber warum wir jetzt den armen Kindern, die irgendwo in einer andern Welt verhungern, helfen, wenn wir altes Brot aufessen, das begriff ich als Kind nicht. Was mir aber eher auffiel, war, dass meine Mutter immer zuviel neues Brot kaufte, und wenn wir Kinder dann endlich das alte Brot gegessen hatten, war das neue Brot auch schon wieder hart und alt. So ass ich meine ganze Kindheit altes Brot, und hatte dabei das Gefühl, wenigstens den armen, hungerleidenden Kindern dabei auf rätselhafte Weise zu helfen.

Irgendwann ist es dann genug.

Nach etwa einer Woche kündige ich Venugo, weil er mir nicht wirklich die Mädchen organisieren kann, die ich suche, und vor allem weil die dauernde Verdoppelung des Preises langsam zu teuer und unübersichtlich wird.
Zuerst macht er mir einen Vorschlag, er kenne da jemanden, einen wirklichen, wahren Freund, der in Cochin wohne, ein Journalist, der mir weiterhelfen würde, die Mädchen im Süden seien anders, nicht so kompliziert. Und weil er, Venu, mich mögen würde, weil er mein wahrer Freund sei, könne er mir den Kontakt vermitteln, und wir könnten zusammen nach Cochin fliegen, und er kenne da jemanden, seine Schwester, die arbeite im Thomas Cook Office, und würde uns billige Flugtickets machen. Ich finde den Vorschlag gut, doch als wir dann zum Thomas Cook Office reisen (2 Stunden) und sich nach einiger Zeit herausstellt, dass seine Schwester, die gar nicht seine Schwester ist, uns gar keine billigen Tickets machen kann, bekomme ich einen Anfall.
Ausserdem, wenn wir jetzt nach Cochin fliegen, müsste ich zwei Organisatoren zahlen, mit den neuen Preisen für irgendwelche Mädchen, aber sicher keinen Models.

Ich verlasse das Office, Venu mir nach, wir stehen draussen, ich schwitze und bin voll Staub, fertig mit den Nerven, ich frage ihn um Zigaretten, (bin eigentlich Nichtraucher, aber Choleriker) kommt ja sowieso nicht drauf an, in dieser Stadt raucht man jeden Tag etwa ein Päckchen mit Luft einatmen, also, ich stehe dort auf der Strasse und merke, von hier an muss ich alleine weiter, und die Angst kriecht mir den Nacken hoch, alleine in diesem unübersichtlichen Riesenland, Indien ist wie ein unberechenbares Tier das dich verschluckt, ein fressendes Maul, kein Ausgang.
Aber ich kann wirklichen Herausforderungen nicht widerstehen. Ich sage Venu, er sei entlassen, wir fahren mit der Rikscha direkt zum Flughafen. Ich will irgendein Ticket, irgendwohin, nur raus aus dieser Stadt.

KERALA

Süden, ganz unten. Die Luft ist hier wie ein Körper, warm und dreckig. Das Meer ist wie die Sonne, warm und hell, und die Sonne ist wie der Sand, brennend und na ja, egal. Mit einer Distanz von ca 1200 Kilometer zu Bombay. Ich sehe Sonnenuntergänge und kann mich schlecht auf meine Arbeit konzentrieren. Aber es ist das einzige, was ich habe, mein KONZEPT. Ich versuche es meinen neuen Freunden, den Diamantenhändlern, Abende lang zu erklären, sie werden nicht müde darüber zu reden. (I speak three languages: hindi, english and bullshit)

Ich lebe hier wie ein Mann. Ohne Kontakte habe ich keine Chance. Die Diamantenhändler beginnen mir zu helfen, ohne Geld, einfach so. Was mich nach meinem Leben als Geldsack in Bombay völlig umhaut.

Wir finden Mädchen in den Läden. Den Klippen entlang reiht sich ein Touristen-Shop nach dem andern, und die Verkäufer kommen oft aus Karnataka. Sie lassen ihre Töchter und Söhne mit den Touristen verhandeln, da die Kinder besser englisch sprechen als ihre Eltern. Die Läden an den Klippen ist meine einzige Möglichkeit, Mädchen zu finden, die kleine Stadt ist weiter weg, unmöglich, um Kontakte zu knüpfen. Die Mädchen leben mit der ganzen Familie in den Shops während der Touristensaison, sie sind jung und müssen verkaufen, wurden aus der Schule genommen und haben wahrscheinlich noch nie ein Foto von sich besessen.

Das erste Mädchen finde ich in einem Shop aus Bambus und Tüchern gebastelt, nahe an der Klippe. Sie ist wahnsinnig schön, und ich versuche sie nicht zu direkt anzuschauen. Ich schätze sie auf 13, 14. Am Boden auf einem Tuch liegt ein schlafendes kleines Kind. Ich kaufe einen Rock, damit sie sich an mich erinnert. Später, am Abend, erzähle ich einem der Diamantenhändler, ich hätte eine Schönheit gefunden, und ob er, falls er Zeit habe, am nächsten Tag mit mir mitkomme, um die Familie zu fragen, ob ich das Mädchen fotografieren könnte.

«Yes Madam take it easy.» Sagt er. Okeih, ich denke, das heisst so viel wie abgemacht.

Seit drei Tagen schon lebe ich in der Villa der Diamantenhändler. Und das kam so:
Nach dem Abbruch des Experiments in Bombay, und der Entlassung von Venu, kaufte ich mir am Flughafen ein Ticket nach Trivandrum, und Venu eins nach Bangalore, wo er wohnt. Beide Tickets waren für den nächsten Tag.
Ich sagte ihm, er werde mir zu teuer, und die Mädchen- Sucherei und Bringerei sei zu unübersichtlich, ich könne so nicht mehr arbeiten. Wir hatten am Abend dann noch einen kleinen Disput, dann versöhnten wir uns, dann stritten wir weiter, es ging um Geld und die Definition von Auftragsarbeit, Jobs ausführen.

Wir sassen in einer Bar, ich rauchte plötzlich wie eine kleine Fabrik, oder wie eine mit Petrol gefüllte Rikscha, Venu trank einen Whisky nach dem andern, und ich war die einzige Frau in der Bar mit etwa 60 Männern. Venu erzählte, dass vor nicht so langer Zeit hier in Bombay eine italienische Frau fünf mal hintereinander vergewaltigt worden sei, die eben in so einer Bar war und sich dort betrank. Sie war die Frau eines Italieners, der eine Geschäftssitzung hatte am Abend, so dass die Frau alleine unterwegs war. Als die Frau die Bar verliess, folgten ihr fünf Männer, zogen sie in eine Gasse und vergewaltigten sie auf einem Abfallhaufen.
Ich schluckte leer und schaute mich um. Natürlich war mir von Anfang an klar, dass das hier eine Männerdomäne ist, eine Frau alleine in einer Bar wirkt wahrscheinlich als Einladung, als Provokation oder zumindest irritierend. Und ich bin nicht blöd, nur manchmal ein bisschen, aber ich würde nie alleine in so eine Bar gehen, und mich dann noch betrinken, sodass ich keine Kontrolle mehr hätte. Unser Besuch hier war ein Notfall, denn wir waren am diskutieren, und es hatte kein Restaurant in der Nähe und eine Million Menschen, die sich an uns vorbeischubsten, zudem Rikschas die uns über die Füsse fuhren.

Venu begleitete mich dann auf mein Flehen hin zurück zum Christlichen Heim, und als ich die Türe hinter meinem Zimmer schliessen konnte, war ich ziemlich erleichtert.
Trotzdem schlief ich enorm schlecht. Wilde Albträume, kalte Luft, Klopfen an der Türe, Angst vor der Weiterreise, am Morgen fühlte ich mich wie ein überfahrener Elefant.
Ich stand früh auf und fotografierte die Raben auf dem Dach und den Sonnenaufgang im smogverhangenen Bombay.

Im Flughafen also, (Rikschafahrer: welcher Flughafen? Ich: äh, gibt es mehr als einen? Panik, Ticketsuche, Leute fragen, rumtelefonieren, etc, 2 Std) sass ich müde vor dem richtigen Gate und überlegte mir, was ich noch anfangen könnte mit meinem Leben.
Dann las ich ein bisschen in einem Krimi. Die Leute um mich herum sackten immer mehr in ihre Sessel, und nach einiger Zeit sah ich auf die Uhr vorne an der Wand. 13.55 Uhr. Um 13. 50 Uhr wäre der Abflug gewesen. Keine Ansage. Verwirrt schaute ich nochmals die Gatenummer an, Nummer 4, aber oha, da war noch ein Gang neben dem Schild von Gate 4, und ich dachte, prima, das Gate 4 kommt erst nach dem Gang, und ich sitze hier falsch, wahrscheinlich Gate 3, haha, typisch, und mein Flugzeug ist sicher schon in der Luft oder am Starten. Ich schnellte hoch und rannte mit den Zockeli klappernd zum Gang. Tack tack tack, stakkato. Die schläfrigen Mitsitzer waren alamiert, und drei Passagiere rannten mir nach, wahrscheinlich mit dem gleichen Gedankengang wie ich. Aber wir hatten Glück, das Gate war richtig, und der Flug einfach nur verspätet. Ein Inder, den ich aufgeschreckt hatte und der mitgerannt war, fragte mich, ob er mich etwas fragen könne.

«Äh, ja klar.»

Er: «Kommst du aus der Schweiz?»

Ich: «Äh ja klar, also ja.»
Warum, sah man mir das an?
Er wäre der erste Mensch, der richtig getippt hätte. 100 Punkte.

Er: «Kommst du vielleicht aus Zürich?»

Ich schaute den Inder entgeistert an. Er war einen halben Kopf kleiner als ich, hatte leuchtend grüne Augen, keinen Schnauz!, war eher indisch cashual gekleidet, also kein Geschäftsmann, und ich hatte ihn noch nie in meinem Leben gesehen.
«Jahaa, aber woher weißt du das??» fragte ich und dachte, Schicksal, das ist ein von Gott gesandter Engel, er hat mich durchleuchtet und weiss alles über mich, ich werde ihm folgen bis an die Grenze von Indien.

Er: «Ich kenne dich irgendwoher.»

Ich: «Haha, guter Witz, das ist unmöglich.»

Er : «Ich lebe seit ein paar Jahren in Zürich, und ich muss dich dort mal gesehen haben?»

Wir setzten uns schwatzend auf die Sitze und erzählten uns in 5 Minuten unser Leben. Ich war hocherfreut, mit jemanden zu reden der meinen Wohnort kennt, überhaupt, normal mit jemanden zu reden, nicht zu handeln, nur so von Menschzumensch und nicht von Menschzugeldsack. Es stellte sich ausserdem heraus, dass er an den genau gleichen klitzekleinen Strand im Süden wollte wie ich. Das kann doch kein Zufall sein. Ich war baff. Zwei Freunde von ihm würden ihn abholen in Trivandrum, ich könne mitfahren, kein Problem.

So lernte ich Tupac kennen.
(Er heisst eigentlich Deepak, aber das kann ich mir nicht merken.)

Trivandrums Flughafen ist klein und übersichtlich, und Tupac’s Freunde warteten draussen, lässig an ein Auto gelehnt. Sie sahen modern aus, intercontinental, europäische Kleidung, keine Schnäuze, etwas längere Haare, sozusagen indische Hippis, grad in den Ferien in Indien. Wau, dachte ich, sicher Drogendealer, soll ich jetzt in das Auto steigen? Sie begrüssten Tupac herzlich, mich sahen sie neugierig an.
AUTOFAHRENININDIEN?? dachte ich, Horror, aber mein Gott, das Taxi ist auch ein Auto, und ob ich jetzt mit den Drogenhändlern mitgehe oder mit einem halbblinden Taxifahrer, ist jetzt schnurz. Hauptsache warm und Meer. Wir fuhren zuerst in ihr Hotel, Tupac’s Freunde mussten ihr Zimmer räumen, auschecken, und ich wollte im Auto warten, aber sie sagten, ich solle mitkommen. Das Hotel war eher oberer Standart, und ich überlegte mir krampfhaft, mit welchen Drogen sie wohl dealten. Dann sassen wir im Zimmer, bestellten erst mal Tschai, rauchten, und ich überlegte mir krampfhaft, ob ich wohl einen Schaden habe, mit drei fremden Indern alleine in einem Hotelzimmer zu sitzen. Na gut, wenn sie mich anfallen, dann schlag ich sie mit meiner Mittelformaltkamera tot.

Dann fuhren wir weiter, einkaufen. In Trivandrum hat es ein vier-stöckiges modernes Einkaufszentrum, der In/must –go Place in der Stadt. Ich wollte im Auto warten, aber sie sagten, ich solle rauskommen, und stellten das Auto in eine Art Tiefgarage mit Wächter. Ich nahm den Rucksack mit Kamera und Zubehör raus, mit den wichtigsten Überlebensdingen; Pass, Kreditkarte, Telefon. Man weiss ja nie. Nur wollte der Wächter vor dem Eingang des Einkaufszentrums mir den Rucksack abnehmen und in ein Fach im Wächterhäuschen stellen. Man dürfe nicht mit dem Rucksack rein. Aha. Ich wollte den Rucksack nicht aus den Händen geben, nicht hier.

Also wartete ich vor dem strahlend angeleuchteten Einkaufshaus. (2 1/2 Std )

Was sollte ich tun? Mein Koffer war im Auto. Zwischendurch sah ich mal einen meiner neuen Freunde die Rolltreppe rauffahren, dann wieder runterfahren, dann waren sie wieder weg für eine Stunde. Was tun sie da drin?
Irgendwann kamen die Jungs dann vereinzelt raus, riesige Plastiksäcke anschleppend. Ich fragte sie, ob ich doch mit dem Taxi gehen soll, das hätte ja wohl keinen Platz im Auto. Neinei, kein Problem. (Die Inder sagen wie die Zürideutschen auch nei nei ) WAS habt ihr alles gekauft? Mehl, Plastikgeschirr, Eimer, Riesenmengen Reis, Gläser, Bier… Alles für ihr Haus. Ich könne dort bei ihnen bleiben, sagten sie, ich sei herzlich eingeladen, eigenes Zimmer und so. Es sei genug gross.
Das sei sehr nett, antwortete ich, aber ich brauche ein bisschen Ruhe, versuchte ich ihnen zu erklären, also, ich würde in ein Hotel gehen oder ein Zimmer suchen, aber wir würden uns sicher am Strand treffen. Kein Problem, sagten sie.Wir trugen die 20 Säcke zum Auto, und plötzlich stand dort nochmals ein Drogendealer. Der geht sicher nicht mehr ins Auto rein, ausser sie binden ihn aufs Dach. Dann versuchten wir das Auto taktisch zu füllen. In der Schweiz wären wir keine drei Meter gekommen, man hätte uns mindestens den Fahrausweis abgenommen. Wir waren zugepackt. Ich hatte Säcke auf den Knien, auf den Füssen, neben dem Kopf, und sass zwischen der Autotüre und dem Dealer mit den längeren Haaren gepresst. Der Neue stampfte sich noch hinten zu uns rein, und vorne sass Tupac mit vier Säcken und dem Fahrer. Ich sah nicht, ob der Fahrer überhaupt noch raus sehen konnte. Wir fuhren los. Es wurde dunkel. Sie drehten die Musik auf. Und die Fenster runter, der Wind wehte meine Haare ins Gesicht und ins Gesicht des Inders, die Musik war gut, die Inder lachten und erzählten sich Geschichten, und ich dachte, prima, dann leb ich halt nochmals wie eine 20jährige, wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben.

Es war eine meiner besten Autofahrten.
Immer kurz vor einem Totalcrash, sie fahren 3 Zentimeter aneinander vorbei, überholen halsbrecherisch und schnell und superknapp, die Strassen haben Löcher, Tiere und Menschen rennen willkürlich auf die Strasse, und wir die Songs mitsingend, ganz nach dem Motto; you never know, vielleicht bist du morgen schon tot.

Als wir dann Stunden später endlich ihr Haus erreichten, eine Art indische Villa, war es zu spät ein Hotelzimmer zu suchen. Ich war müde, und fragte, ob das Angebot noch gültig sei?

«No problem Madam, you can stay how long you want.»